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Stel­lung­nahmen der GEPS in den Rund­briefen 1994 zum Buch von Arno Gruen „Der frühe Abschied – eine Deutung des Kinds­todes“

Buch­be­spre­chung:

Der frühe Abschied – eine Deutung des Kinds­todes“ von Arno Gruen, über­ar­beitete Taschen­buch­ausgabe, erschienen im dtv-Verlag 1993

Eine Bespre­chung der gebun­denen Ausgabe dieses Buches des Psy­cho­ana­ly­tikers, erschienen bereits 1988 im Kösel-Verlag, wurde im Rund­brief Oktober 1991 ver­öf­fent­licht. Leider hat sich unsere Hoffnung, die pro­vo­zie­renden Thesen würden in der Neu­auflage rela­ti­viert, nicht erfüllt. Dieser Umstand hat uns bewogen, dieses Buch nochmals, aber diesmal aus ver­schie­denen Blick­winkeln zu betrachten: In diesem Rund­brief sind Stel­lung­nahmen von Prof. Dr. Gisela Molz, Spre­cherin des Wis­sen­schaft­lichen Beirats, aus der Sicht des Patho­logen und Dipl.-Psychologe Andreas Ott, GEPS Nord­rhein-West­falen, abge­druckt. Im nächsten Rund­brief folgen Bespre­chungen von Dr. Jutta Hel­me­richs, Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin, GEPS Lan­des­verband Nie­der­sachsen, und selbst­ver­ständlich auch von betrof­fenen Eltern. Alle Bei­träge zusammen sollen Arno Gruen und dem dtv-Verlag zuge­sandt werden. Auch wollen wir uns bemühen, einen oder mehrere Bei­träge in Fach­zeit­schriften des Buch­handels unter­zu­bringen.

 


 

Ver­bales Bom­bar­dement

Prof. Dr. Gisela Molz
Institut für Rechts­me­dizin Uni­ver­sität Zürich – Irchel

Was kann ein Pathologe dazu sagen?
Läßt man sich durch das Vorwort des Autors Arno Gruen an sein Buch her­an­führen, so erfährt man bereits in den ersten Sätzen Auf­schluss­reiches. Denn es heißt: „Dieses Buch ist ein Beitrag zu einer umfas­senden Psy­cho­so­matik. Anhand des zur Ver­zweiflung trei­benden Phä­nomens des Plötz­lichen Kinds­todes ver­suche ich zu zeigen, daß see­lische Vor­gänge und soma­tische Struk­turen nicht vor­ein­ander getrennt werden können.“ Man erfährt aber auch, „daß dieses Buch nicht in erster Linie für Betroffene geschrieben wurde. Es ist vielmehr ein Beitrag zum ganz­heit­lichen wis­sen­schaft­lichen Denken“ (Seite 10). Damit sind die erha­benen Absichten kei­neswegs erschöpft, denn der Autor ver­traut dem Vorwort auch an: „Die gegen­wärtige Studie zielt auf eine Wis­sen­schaft­lichkeit mit einem erwei­terten Bewußtsein, eine, in der Erkenntnis und Ver­ant­wortung gleich­be­deutend sind“ (S. 14). Ob dieses verbale Bom­bar­dement uns bei unseren Unter­su­chungen plötzlich ver­stor­bener Säug­linge wei­ter­hilft, wage ich zu bezweifeln. Etwas Gutes hat die sal­bungs­volle Ein­leitung dennoch – sie mahnte mich, die Studie gründlich zu lesen und mit dem Wust der Spe­ku­la­tionen aus­ein­an­der­zu­setzen. Arno Gruen sagt in seiner Zusam­men­fassung, daß er eine „bio­so­ziale Theorie des plötz­lichen Kinds­todes vorlegt, die von einem Zusam­men­wirken neu­ro­phy­sio­lo­gi­scher, psy­chi­scher und sozialer Fak­toren ausgeht“ (S. 134). Das Wort Theorie macht stutzig, denn Vor­aus­setzung für eine Theorie ist die Dar­stellung gesi­cherter, wis­sen­schaft­licher Erkennt­nisse. Diese Bedingung kann die Studie von Arno Gruen nicht erfüllen, denn bei einem Kol­lektiv von nur 15 plötzlich gestor­benen Säug­lingen ist der Fehler der kleinen Zahl unwei­gerlich gegeben. Wer mit Zahlen arbeitet, sollte den Rat des deut­schen Phy­sikers J.F.BENZENBERG (1777–1846) beachten, daß „Zahlen ent­scheiden“. Die Tat­sache, daß Arno Gruen seinem Kol­lektiv keine Ver­gleichs­gruppe gegen­über­stellt, ist ein arges und für eine wis­sen­schaft­liche Arbeit unzu­mut­bares Ver­säumnis.
Ver­gleichs­gruppe wären gleich­altrige Säug­linge, aus einem gleich sozialen Umfeld stammend, die jedoch unter einer bekannten, kli­ni­schen Erkrankung gestorben sind. Zum Hinweis Arno Gruen, „daß wir dennoch über eine gewisse Kon­trolle ver­fügen, nämlich unsere kli­nische Erfahrung in der Psy­cho­the­rapie (S. 18), darf man wohl fragen, wie „see­lische Vor­gänge und soma­tische Struk­turen“ durch Erfah­rungen aus der Psy­cho­the­rapie geprüft werden können.

Medi­zi­nische Aspekte beim Dar­legen medi­zi­ni­scher Aspekte sind Arno Gruen Fehler unter­laufen, die man berich­tigen muß. Das betrifft die Angabe, „daß die Häu­figkeit des Plötz­lichen Kinds­todes von Jahr zu Jahr zunimmt“ (S. 29). Wenn sich diese Aussage auf die absolute Häu­figkeit des uner­war­teten Säug­lings­todes (UST) bezieht, ist sie falsch. Die absolute Häu­figkeit errechnet die Ster­be­fälle an UST bezogen auf 1000 Lebend­ge­bo­renen. Diese Rate lag bis vor kurzem weltweit zwi­schen 1–3 Säug­lingen. In jüngster Zeit wird jedoch eine fal­lende Tendenz beob­achtet: Kanada meldete zwi­schen 1988 und 1990 einen Rückgang von 1.08 auf 0.82 / 1000 Lebend­ge­borene, und wir haben in der Stadt Zürich 1969 eine Häu­figkeit von 1.1 regis­triert, 1992 nur noch eine solche von 0.8 / 1000 Lebend­ge­borene. Etwas anders verhält sich die relative Häu­figkeit des UST. Die relative Häu­figkeit errechnet den Anteil des UST in der Gesamtheit aller gestor­benen Säug­linge. Zwangs­läufig nimmt die relative Häu­figkeit zu, je kleiner die gesamte Sterb­lichkeit der Säug­linge wird.
Das sei am Bei­spiel Zürich gezeigt: 1969 starben von 1000 Neu­ge­bo­renen 13,2 Kinder im Verlauf des ersten Lebens­jahres (Ster­be­ziffer 13,2). Von den 20 Säug­lingen, die nach der ersten Lebens­woche starben, sind 5 dem UST zum Opfer gefallen. 1992 betrug die Ster­be­ziffer nur noch 5,2 und von den 11 Säug­lingen waren 3 Opfer des UST. Eine weitere Quelle für Arno Gruens Irrtum könnte auch aus Fol­gendem stammen: der Begriff des „Plötz­lichen Kinds­todes“ hat die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sation 1979 unter dem Code 795 in die Inter­na­tionale Klas­si­fi­kation der Erkran­kungen ein­ge­reiht. Sofort kam es zu einem rapiden Anstieg an regis­trierten „Plötz­lichen Kinds­todes-Fällen“ und zwar weltweit, so daß die Emp­fehlung not­wendig wurde, mit dem Code 795 (heute 798) nicht so groß­zügig umzu­gehen. Die von Arno Gruen gemachte Angabe, daß „über­durch­schnitt­liches Rauchen der Mütter und Alko­ho­lismus sich durch­gängig bei PKT-Fällen finden“ (PKT = Plötz­liche Kinds-Todes­fälle) bedarf gleich­falls einer Rich­tig­stellung (Seite 34). Wir haben unter 340 uner­wartet gestor­benen Säug­lingen 3 Mütter mit Alko­hol­konsum und weitere 12 mit Dro­gen­be­lastung. Das ergibt einen Anteil von 4 Prozent. Niko­tin­genuß geben 46 Prozent an, davon 8 Prozent einen beacht­lichen mit täglich 20 Ziga­retten und mehr. Aus der Beob­achtung, daß an Sams­tagen, Wochen­enden und Fei­er­tagen gehäuft plötz­licher Säug­lingstod auf­tritt, folgert Arno Gruen, daß die gesell­schaft­liche Sicht immer wieder darauf hin­deutet, „daß ein Schlüssel zu diesem Tod in den Bezie­hungen zwi­schen Mütter und Väter liegt“ (S. 139). Gegen diesen Aspekt bringe ich das Ergebnis unserer Unter­su­chung: von 340 uner­wartet gestor­benen Säug­lingen starben je 13 Prozent an einem Montag oder Don­nerstag, 14 Prozent an einem Dienstag, je 16 Prozent an einem Mittwoch, Freitag oder Sonntag und 12 Prozent an einem Samstag. In unserer Ver­gleichs­gruppe von 280 nicht plötzlich gestor­benen Säug­lingen ergab die Rei­hen­folge: 12 Prozent an einem Montag, je 14 Prozent an einem Dienstag, Don­nerstag oder Freitag, 16 Prozent an einem Mittwoch, 13 Prozent an einem Sonntag und 17 Prozent an einem Samstag. Ver­gleicht man die Werte innerhalb der ein­zelnen Unter­su­chungs­reihen und auch mit­ein­ander, so finden sich keine ent­schei­denden Unter­schiede.

Ambi­va­lente Gefühle der Mutter und unbe­wußte Feind­se­ligkeit Nach Arno Gruen kann „die unbe­wußte Feind­se­ligkeit der Mutter zum aus­lö­senden Faktor für den Plötz­lichen Kindstod werden, wenn bestimmte Bedin­gungen zusam­men­treffen“ (S. 103). Als Beweis für diese These führt Arno Gruen an: „in jedem PKT-Fall, der hier unter­sucht wurde, hatte die Mutter gegenüber ihren Kindern ambi­va­lente Gefühle, gegenüber dem PKT-Säugling waren sie aber besonders stark aus­ge­prägt“ (S. 123). Prüft man die Kin­derzahl der so cha­rak­te­ri­sierten 15 Mütter, dann hatten sie 20 Vor­ge­borene und 7 Nach­fol­ge­kinder. Für Arno Gruen ist es „unbe­zwei­felbar, daß die meisten Kinder die unbe­wußte Ablehnung ihrer Mütter über­leben“ (S. 103). Diese an Unge­heu­er­lichkeit gren­zende Behauptung kann man nicht hin­nehmen. Wir haben von 183 Müttern genaue Angaben über die Zahl ihrer Nach­fol­ge­kinder. Wir haben die Mütter grup­piert und so auf­ge­schlüsselt, ob das gestorbene Kind ihr Erst­ge­bo­renes, Zweit­ge­bo­renes, Dritt- oder Viert­ge­bo­renes war (Tabelle 1). Eine Gesamtzahl von 290 Nach­fol­ge­kinder spricht für diese Mütter und ihre beja­hende Ein­stellung zum Kind. 3 Mütter haben, leider, ein zweites Mal den Schock eines plötz­lichen Ver­lustes erlebt. Unter 290 Nach­ge­bo­renen drei Wie­der­ho­lungs­er­eig­nissen zu begegnen, ent­spricht der welt­weiten Beob­achtung, daß das Risiko zum UST für Nach­ge­borene 1 auf 100 Nach­ge­borene beträgt. Auf­fällig bei einem Wie­der­ho­lungs­er­eignis ist, daß das zweite, durch den UST gestorbene Kind jünger ist als das erste Kind. Das trifft auch für unsere 3 Kinder zu – und sogar auch für das Dop­pel­er­eignis im Kol­lektiv von Arno Gruen. Wir haben für diese Beob­ach­tungen keine Erklärung, hüten uns jedoch vor Spe­ku­la­tionen. Denn gegen das Spe­ku­lieren hat der große Arzt PARA­CELSUS gesagt, daß „das erst und höchst Gebot der Arznei ist „Sapi­entia“ – und das ist Sapi­entia, daß einer Etwas wisse und nicht nur wähne.“

 


 

Fazit: Nicht emp­feh­lenswert

Dipl.-Psychologe Andreas Ott
GEPS Nord­rhein-West­falen
Psy­chologe in der West­fä­li­schen Kinds­tod­studie der Uni­ver­si­täts­klinik Münster

Der Versuch, psy­cho­lo­gische For­schungs­re­sultate in Form von Eltern­rat­geber einer breiten Öffent­lichkeit nahe­zu­bringen, ist sicherlich eine schwierige Grat­wan­derung zwi­schen dem wis­sen­schaft­lichen Anspruch einer­seits und dem Problem, ver­ständlich und hand­habbar zu sein.
Die Moti­vation zu einem solchen Versuch dürfte häufig im Bedürfnis des jewei­ligen For­schers liegen, seine Befunde aus dem aka­de­mi­schen Elfen­beinturm in das All­tags­wissen der Betrof­fenen zu ver­lagern. Wo dieses Motiv vor­herrscht, sind die ent­ste­henden Bücher oftmals eine große Hilfe, sie geben Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen und bahnen unter Umständen den Weg zu wei­teren Schritten (z. B. Aktives Ansprechen von Pro­blemen im Bekann­ten­kreis, Ein­tritt in eine Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sation oder Auf­nahme the­ra­peu­ti­scher Gespräche).
Nach der Durch­sicht des im dtv-Verlag erschienen Tage­buchs von Arno Gruen „Der frühe Abschied“ kann ich als Diplom Psy­chologe mit mehr­jäh­riger Lehr­er­fahrung im Bereich der Kin­der­psy­cho­logie (hier gehört natürlich auch das Thema Mutter-Kind Inter­aktion und ihre Kon­se­quenzen dazu) und großer Erfahrung mit den Pro­blemen der betrof­fenen Eltern nur fest­stellen, daß ich diese Moti­vation im vor­lie­genden Werk in keiner Weise erspüren kann.

Das Buch genügt kei­nes­falls wis­sen­schaft­lichen Ansprüchen (eine ent­spre­chende Diplom­arbeit würde auf­grund der Vielzahl metho­di­scher Unzu­läng­lich­keiten grund­sätzlich abge­lehnt werden). Die Methode retro­spek­tiver Befra­gungen erscheint ebenso wie das Fehlen geeig­neter Kon­troll­gruppen und die will­kür­liche Inter­pre­tation der elter­lichen Aus­sagen unge­nügend. Eine Objek­ti­vität, die Mini­mal­for­derung innerhalb jeder Wis­sen­schaft, ist in der Analyse der Pro­to­kolle in keiner Weise rea­li­siert. Wis­sen­schaftlich ist die Arbeit von Gruen als unfruchtbar anzu­sehen. Die Stim­migkeit seiner Kern­aussage (Der Plötz­liche Säug­lingstod kor­re­liert hoch mit bestimmten Eltern­va­riablen) ist prak­tisch nicht über­prüfbar.
Das alles begründet jedoch noch nicht, warum ich das vor­lie­gende Buch nicht nur als sinnlos, sondern sogar als in hohem Maße schädlich ansehe: Die ohnehin meist bestehenden Schuld­ge­fühle der betrof­fenen Eltern werden bestätigt. Arno Gruen stellt die betroffene Eltern­schaft, spe­ziell die Mütter, als vom Rest der Bevöl­kerung ver­schieden dar. Er nährt das Vor­urteil, daß so etwas Schreck­liches nur pas­sieren kann, wenn auch irgendwo eine Schuld zu finden ist, so etwas fällt nicht aus hei­terem Himmel, mir könnte so etwas nie pas­sieren. Er ver­stärkt durch sein Buch die destruk­tiven Gedanken, unter denen die Eltern sowieso schon schwer leiden und die sie davon abhalten, mit der wirk­lichen Trauer über den Verlust ihres Kindes zu beginnen. Ich bin über­zeugt, daß Psy­cho­logen einen wesent­lichen Beitrag zur Trau­er­be­wäl­tigung leisten können und achte diese schwere und fruchtbare Arbeit sehr.
Arno Gruens Ziel „einen mensch­lichen Beitrag zur Lösung des furcht­baren Rätsels vom Plötz­lichen Kindstod zu leisten“ ging aller­dings gründlich daneben.
Was er statt­dessen pro­du­zierte, ist eine giftige Mischung aus Halb­wahr­heiten, Fehlern, in fal­schem Zusam­menhang zitierten, teil­weise völlig falsch ver­stan­denen, oftmals deutlich selbst­dar­stel­le­ri­schen und zu guter Letzt schon von der wis­sen­schaft­lichen Kon­zeption her nicht über­prüf­baren Ein­zel­be­stand­teilen.
Mein Fazit: nicht emp­feh­lenswert.
Arno Gruen aber wünsche ich bei der Auswahl, der Recherche und den sprach­lichen For­mu­lie­rungen für seine fol­genden Werke eine glück­li­chere Hand. Ich bin über­zeugt, daß ihm das zumindest teil­weise gelingen wird.

 


 

Eine wis­sen­schaft­liche Ver­brämung von Vor­ur­teilen

Der Jutta Hel­me­richs, Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin
GEPS Lan­des­verband Nie­der­sachsen
Plötz­licher Kindstod-Eltern­be­ra­tungs­projekt Nie­der­sachsen
Institut für Rechts­me­dizin der Uni­ver­sität Göt­tingen

Der Psy­cho­ana­ly­tiker Arno Gruen hat Anfang der acht­ziger Jahre mit fünfzehn Ehe­paaren, die vom Plötz­lichen Kindstod betroffen sind, und mit fünf Paaren, deren Kinder nach seinen Angaben beinahe gestorben wären, ein Gespräch geführt. Dabei hat er sich, gestützt auf die spe­zi­fische Denk­weise der Freud’schen Tie­fen­psy­cho­logie, ein Bild von seinen Gesprächs­part­ne­rInnen gemacht und daraus eine gene­relle Erklärung des Plötz­lichen Kinds­todes abge­leitet. Seine Kern­aussage lautet, daß vom Plötz­lichen Kindstod betroffene Mütter gegenüber ihren Kindern eine unbe­wußte Feind­se­ligkeit hegten. Diese unbe­wußte Feind­se­ligkeit führte nach seiner Ansicht zum Tod der Kinder.

Arno Gruen ent­schied sich, diese Ein­schätzung öffentlich zu machen, fand dafür offen­sichtlich auch eine Ver­le­gerin oder einen Ver­leger und legte 1988 das Buch „Der frühe Abschied“ vor. Hierin findet man seine o.g. Kern­aussage auf weit über 100 Seiten aus­ge­breitet, weil ange­rei­chert mit seinen per­sön­lichen Anschau­ungen z. B. zur Aufgabe und Rolle der Frau und Mutter, zum intra­psy­chi­schen Ver­hältnis der Geschlechter zuein­ander und zu emo­tio­nalen Schäden, die das Leben in den modernen west­lichen Indus­trie­na­tionen her­vorruft. Das Ganze wurde von Arno Gruen mit einem wis­sen­schaft­lichen „touch“ ver­sehen.

Arno Gruens Ver­öf­fent­li­chung „Der frühe Abschied“ ist keine wis­sen­schaft­liche Studie, sondern eine sehr phan­ta­sie­volle Zusam­men­stellung ver­schie­dener Sach­in­for­ma­tionen (teil­weise falsche Infor­ma­tionen, z. B.: rasche Zunahme der SIDS-Todes­fälle in den Indus­trie­ge­sell­schaften, Kösel S. 18) und sich wider­spre­chender Behaup­tungen und Aus­sagen. Wis­sen­schaft ist ein System von exakt defi­nierten Regeln und Zielen, und wenn­gleich es unter Wis­sen­schaft­le­rInnen ver­schie­dener Fach­rich­tungen – vor allem der Geistes- und Natur­wis­sen­schaften – auch Mei­nungs­ver­schie­den­heiten hin­sichtlich dieser Regeln und Ziele gibt, so läßt sich dennoch ein Mini­mal­konsens benennen.
Arno Gruens Ver­öf­fent­li­chung genügt den Min­dest­an­for­de­rungen, die an eine wis­sen­schaft­liche Unter­su­chung zu stellen sind, nicht. Sein sehr kleines und mehrfach selek­tiertes Kol­lektiv ist nicht reprä­sen­tativ, der unter­suchten Gruppe wird keine adäquate Kon­troll­gruppe gegen­über­ge­stellt, er argu­men­tiert ahis­to­risch, und es werden Beob­ach­tungen aus Tier­ver­suchen (mit Ratten, Fliegen, Katzen) unre­flek­tiert her­an­ge­zogen, um mensch­liches Ver­halten zu inter­pre­tieren.
Eine weitere Regel­ver­letzung liegt darin, daß Arno Gruen bestimmte For­schungs­er­geb­nisse anderer – im übrigen zumeist renom­mierter Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rInnen – außer acht läßt. Schaut man sich genauer an, welche the­ma­tisch angren­zenden For­schungs­ar­beiten aus den Sozi­al­wis­sen­schaften aus­ge­klammert bleiben, so fällt auf, daß es sich aus­schließlich um Arbeiten handelt, die der „Beweis­führung“ seiner Thesen ent­ge­gen­ge­standen hätten. Hätte Arno Gruen zum Bei­spiel R. Spitz’, D. Win­ni­cotts, A. Millers, M. Mahlers, E. Eriksons, M. Kleins oder M. Gam­baroffs For­schungs­er­geb­nisse über die Mutter-Kind-Inter­aktion und deren mög­liche Stö­rungen ein­be­zogen, oder hätte er M. E. Selig­manns und J. Bowlbys Ergeb­nisse aus der Depres­si­ons­for­schung berück­sichtigt, hätte er seine Behauptung, Säug­linge sterben aus Hilf­lo­sigkeit, nicht auf­recht­erhalten können.
Darüber hinaus: Hätte Arno Gruen sich vor seinen Gesprächen mit Betrof­fenen mit der Trau­er­for­schung (dabei ins­be­sondere mit den Arbeiten von E. Lin­demann und V. Kast) beschäftigt, hätten ihm zumindest Zweifel an seinem „Beweis­ma­terial“ (dtv S. 98ff) kommen müssen. Ihm wäre dann nämlich klar gewesen, daß die Erin­nerung an Todes­träume und -phan­tasien bei vielen Men­schen ein nor­maler Bestandteil der Trau­er­ver­ar­beitung ist.

Arno Gruens Gedanken, Ein­schät­zungen und Inter­pre­ta­tionen zum Plötz­lichen Kindstod sind also wis­sen­schaftlich nicht bewiesen. Dieser Einwand der Unwis­sen­schaft­lichkeit wird ihn – so ist anzu­nehmen – kaum stören. Es scheint, als erwarte er diese Kritik sogar, viel­leicht ist sie ihm seit der Erst­erscheinung seines Buches auch des öfteren ent­ge­gen­ge­halten worden.
Im 1992 for­mu­lierten Vorwort der Taschen­buch­ausgabe kri­ti­siert er nämlich die kon­ven­tio­nelle Wis­sen­schaft und gibt sich dabei nicht nur als „Feminist“ (!) zu erkennen, sondern auch als Anhänger einer anscheinend ganz neuen Art des wis­sen­schaft­lichen Denkens, nämlich des „ganz­heit­lichen wis­sen­schaft­lichen Denkens“ (dtv S. 10) bzw. einer wohl ganz neuen Wis­sen­schaft­lichkeit, einer „Wis­sen­schaft­lichkeit mit erwei­tertem Bewußtsein“ (dtv S. 14).
Bleibt die Frage: Warum gab Arno Gruen seinem Buch einen kon­ven­tio­nellen wis­sen­schaft­lichen Anstrich, wenn er doch die kon­ven­tio­nelle Wis­sen­schaft ablehnt? Warum führte er die Lese­rInnen nicht in seine, uns allen bisher völlig unbe­kannte „ganz­heit­liche Wis­sen­schaft“ ein und ori­en­tierte sich dann an ihr? Zielte er viel­leicht auf den Glauben vieler Men­schen an eben die kon­ven­tio­nelle Wis­sen­schaft, in der Hoffnung dadurch ernst genommen zu werden oder Respekt zu erhalten oder sein Buch besser ver­kaufen zu können oder sich ins Gespräch bringen zu können, oder, oder, oder,…? Welche Intention Arno Gruen letztlich mit seiner Ver­öf­fent­li­chung ver­folgt, bleibt im Dunkeln.

Welche Aus­wir­kungen Arno Gruens Gedanken, Ein­schät­zungen und Inter­pre­ta­tionen zum Plötz­lichen Kindstod auf ihn selbst hatten, erfahren die Lese­rInnen der Taschen­buch­ausgabe nicht mehr, ist aber in der gebun­denen Ausgabe nach­zu­lesen (Kösel S. 13). Arno Gruen berichtet der Öffent­lichkeit, er sei auf­grund seiner erschüt­ternden Ein­sichten über die Hin­ter­gründe des Plötz­lichen Kinds­todes, die er durch seine fünfzehn Gespräche mit betrof­fenen Eltern gewonnen hat, so ver­zweifelt gewesen, daß er Hilfe habe in Anspruch nehmen müssen.
Welche Aus­wir­kungen seine Gedanken, Ein­schät­zungen und Inter­pre­ta­tionen zum Plötz­lichen Kindstod auf Betroffene haben, kann er den Lese­rInnen der Taschen­buch­ausgabe auch mit­teilen.
Demnach gibt es – wie er schreibt – viele Eltern, denen seine Publi­kation geholfen hat, mit sich selber zurecht­zu­kommen (dtv S. 14). Es gibt aber auch Eltern – so berichtet Arno Gruen weiter – , die sich von ihm beschuldigt fühlten. Diese Eltern beschuldigt er wie­derum, sich ihrer Schuld am Tod ihres Kindes und ihren Schuld­ge­fühlen nicht zu stellen und den Verlust ihres Kindes bisher weder betrauert noch ver­ar­beitet zu haben. Diese anma­ßende Inter­pre­tation berech­tigter, elter­licher Kritik an der Ver­öf­fent­li­chung und wis­sen­schaft­lichen Ver­brämung von Vor­ur­teilen und Anschul­di­gungen gegenüber vom Plötz­lichen Kindstod Betrof­fenen finden sich in Arno Gruens kurzer Abhandlung über den Begriff der Schuld (dtv S. 1415). In dieser Abhandlung ver­sucht er (aller­dings ohne Erfolg), den Lese­rInnen zu ver­deut­lichen, was er unter Schuld ver­steht. Dabei mildert Arno Gruen seine Anschul­di­gungen gegenüber Betrof­fenen – wie an anderen Stellen seines Buches auch (siehe z. B. Kösel S. 22, 24, 138ff) – ab, indem er „die Gesell­schaft“ per­so­ni­fi­ziert und für alles ver­ant­wortlich macht.

Nicht nur an dieser Stelle kann man sich als LeserIn des Ein­drucks nicht erwehren, daß der prak­ti­zie­rende Ana­ly­tiker Arno Gruen bei der Ein­lösung seines selbst­ge­steckten Ziels, einen theo­re­ti­schen Beitrag liefern zu wollen, über­fordert war.

Arno Gruen hat sich mit seiner Ver­öf­fent­li­chung als Wis­sen­schaftler und Psy­cho­ana­ly­tiker dis­qua­li­fi­ziert. Sein Buch ist in keiner Weise ein Beitrag zur Beant­wortung der Frage nach den Ursachen des Plötz­lichen Kinds­todes, kein Beitrag zur Klas­si­fi­kation von SIDS-Risi­ko­fak­toren und auch kein Beitrag zur SIDS-Prä­vention. Sein Buch gibt auch keinen Anstoß für neue Fra­ge­stel­lungen zur Erfor­schung des SIDS.
Das war Arno Gruen als bahn­bre­chend neue Erkenntnis vor­stellt, daß nämlich in diesem Leben alles mit allem zusam­men­hängt, daß es eine Psy­cho­so­matik gibt und daß der Plötz­liche Kindstod deshalb immer eine phy­sische, psy­chische und soziale Bedingtheit hat, ist den meisten Betrof­fenen und Nicht­be­trof­fenen, die sich mit dem Thema SIDS befassen, auch schon vorher klar gewesen und somit „ein alter Hut“.

 


 

Eine Zumutung – kein „mensch­licher Beitrag zur Lösung des furcht­baren Rätsels“

Martina Stoiber
Lan­des­verband Baden-Würt­temberg
betroffene Mutter

Nachdem ich Arno Gruens Deutung des Plötz­lichen Kinds­todes, gebundene Ausgabe des Kösel-Verlags, erschienen 1988, als Zumutung für betroffene Familien bewerten mußte, hatte ich gehofft, daß die über­ar­beitete Taschen­buch­ausgabe des dtv-Ver­lages, erschienen 1993 meinen dama­ligen Ein­druck revi­dieren könne. Zumal sich Herr Gruen, nach Aussage des Ver­lages, „ver­söhnlich und bedauernd“ geäußert habe, als er Kenntnis davon erhielt, wie seine Theorien auf Betroffene gewirkt haben.

Zum Inhalt der Taschen­buch­ausgabe möchte ich Herrn E. Bühler, GEPS Schweiz, zitieren, der die gebundene Ausgabe im April 1989 wie folgt rezen­sierte: …Die Deutung des Plötz­lichen Kinds­todes… wird uns Eltern dieser Kinder wohl alle emp­findlich treffen. Nachdem die Aus­legung des schweren Leids als gött­liche Strafe für ver­bor­genes Unrecht kaum mehr zu hören ist, die Polizei eben­falls lernt, Betroffene nicht mehr als mög­liche Ver­brecher zu behandeln, sto­chert nun ein Psy­cho­ana­ly­tiker in unserer Wunde der Selbst­vor­würfe und Schuld­ge­fühle herum… Zwar bestreitet heute kaum mehr jemand, daß Ein­stellung und Ver­halten der Eltern neben dem see­li­schen auch das kör­per­liche Wohl­be­finden des Kindes beein­flussen und daß Liebe zum Kind und Freude an seiner Leben­digkeit ent­schei­denden Vorraus­set­zungen für eine gesunde Ent­wicklung bedeutet. Aber immer dann, wenn es um die Schaffung eines direkten Zusam­men­hangs zu einem so plötz­lichen Tod geht, ist Gruen auf Ver­mu­tungen, Thesen und unge­wisse Deu­tungen ange­wiesen. Auf­bauend auf der­maßen unsi­cheren Grund­lagen so außer­ge­wöhn­liche, unge­heure und die lei­de­ge­prüften Eltern noch mehr ins Abseits drän­gende Behaup­tungen zu ver­öf­fent­lichen, zeugt von Ver­ant­wor­tungs­lo­sigkeit und Men­schen­ver­achtung.”
(Anm. d. Redaktion: die Buch­be­spre­chung von Herrn Bühler wurde im Rund­brief des Lan­des­ver­bandes Baden-Würt­temberg im Oktober 1991 ver­öf­fent­licht und kann auf Wunsch gerne zuge­sandt werden)

Herrn Bühlers Aus­füh­rungen gelten leider auch für die nun vor­lie­gende Taschen­buch­ausgabe. Herr Gruen sto­chert immer noch und dies zusätzlich noch in einem Vor- und einem Nachwort.
Im Nachwort z. B. unter­stellt er den Wis­sen­schaftlern, die den Risi­ko­faktor Bauchlage benennen, daß sie diesen als alleinige Ursache des Plötz­lichen Kinds­todes sähen. Davon ist mir nichts bekannt und ich frage mich, worauf er seine Behauptung stützt? „Ein solcher Fehl­schuß scheint nur möglich, wenn das gängige Denken eine Gesamt­sicht ver­schmäht.“ Stimmte seine Behauptung, müßte ich Herrn Gruen in diesem Fall sogar aus­nahms­weise recht geben und möchte diese seine Wertung eigentlich für seine Theorien in Anspruch nehmen.

Wenn also Stand­punkte anders­den­kender Kol­legen, sofern man Herrn Gruen als Wis­sen­schaftler bezeichnen kann, derart frag­würdig behandelt werden, wie kann ich dann erwarten, daß ich als betroffene Mutter auf Ver­ständnis und faire Aus­ein­an­der­setzung mit meiner Person bei Herrn Gruen hoffen darf.
Aber als Optimist ver­suche ich es trotzdem und möchte dies für den Großteil der vielen Mütter in Anspruch nehmen, die ich im Verlauf von meh­reren Jahren Eltern­arbeit betreut habe:
Ich habe unsere Tochter Fran­ziska geliebt und ihr nach meiner, zuge­ge­be­ner­maßen lai­en­haften, Ein­schätzung auch nicht unbewußt den Tod gewünscht. Ich war und bin weder alko­hol­ab­hängig, dro­gen­süchtig, unter­ord­nungs­willig, noch besonders nervös und habe alle meine Kinder gestillt. Zur Ehren­rettung meines Partners möchte ich anbringen, daß er sich meiner nicht „bemächtigt, getarnt durch für­sorg­liche Güte“.
Hin­zu­fügen möchte ich noch, daß ich auch nicht depressiv bin – obwohl man dies als Mutter, die ein Kind durch den Plötz­lichen Kindstod ver­loren hat, nach Lektüre seines Buches werden könnte.
Und dies ist mein Haupt­vorwurf an Arno Gruen.

 


 

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